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KGV einfach erklärt: Warum diese eine Kennzahl nicht ausreicht

✦ Auf einen Blick
  • KGV ist nur ein Stück im Puzzle der Aktienbewertung.
  • Ein hohes KGV kann gerechtfertigt sein, ein niedriges KGV kann trügen.
  • Weitere Kennzahlen wie KUV, KBV, Dividendenrendite & Free‑Cash‑Flow‑Yield ergänzen das Bild.
  • Der Kontext – Branche, Wachstum, Zinsumfeld – entscheidet, ob das KGV sinnvoll ist.
  • Praktische Rechenbeispiele zeigen, wie du das KGV zusammen mit anderen Kennzahlen nutzt.

Intro: Warum das KGV allein nicht reicht

Ich habe jahrelang mit meinem ersten Depot angefangen und sofort das Kurs‑Gewinn‑Verhältnis (KGV) als Lieblingskennzahl gefeiert. „Billig ist gut“, dachte ich, und suchte nach Aktien mit einem KGV von 8 oder 9. Schnell merkte ich, dass diese Simple‑Methode mich in die Irre führte. Mir ist aufgefallen, dass viele Unternehmen mit einem scheinbar niedrigen KGV später stark gefallen sind, während einige mit KGV von 30 % bis 40 % weiter gestiegen sind.

Der Grund liegt auf der Hand: Das KGV misst nur das Verhältnis von aktuellem Kurs zum Gewinn je Aktie (EPS). Es sagt nichts über das Wachstum, die Bilanzstruktur oder die Branche aus. In einem Umfeld mit EZB‑Leitzins von 2,5 % bis 3,5 % sind die Bewertungen generell höher, weil die Kapitalkosten steigen und Investoren mehr Risiko‑Prämie verlangen. Deshalb brauchen wir ein umfassenderes Bewertungspaket, das das KGV einbettet, statt es isoliert zu betrachten.

1. Was das KGV wirklich misst

Das Kurs‑Gewinn‑Verhältnis ist definiert als Kurs / Gewinn je Aktie. Ein KGV von 15 bedeutet, dass du 15 € für jede 1 € Gewinnzahlung pro Aktie zahlst. Historisch lag das durchschnittliche KGV am deutschen Markt bei etwa 14‑16 ×, wobei Schwankungen stark von Konjunktur und Zinsniveau abhängen.

Ein niedrigeres KGV wird häufig als Unterbewertung interpretiert, ein hohes KGV als Überbewertung. Doch das Bild ist trügerisch, wenn du nicht folgende Punkte berücksichtigst:

  • Gewinnqualität: Einmalige Abschreibungen oder Steuervorteile können den Gewinn künstlich erhöhen und das KGV drücken.
  • Wachstumserwartungen: Unternehmen mit starkem Gewinnwachstum rechtfertigen ein höheres KGV. Beispiel: Ein Tech‑Aktien‑KGV von 35 kann bei 20 % jährlichem Gewinnwachstum sinnvoll sein.
  • Branchenunterschiede: Versorger haben oft KGVs von 10‑12, während Software‑Firmen leicht über 30 liegen.

Deshalb ist das KGV nur ein erster Anhaltspunkt – ein schneller Scan, aber kein Entscheidungs‑Tool.

2. Ergänzende Kennzahlen, die du kennen solltest

KUV (Kurs‑Umsatz‑Verhältnis)

Das KUV setzt den Kurs ins Verhältnis zum Umsatz pro Aktie. Gerade bei Unternehmen mit geringen Gewinnen (z. B. Start‑Ups) liefert das KUV ein stabileres Bild. Ein KUV von 2‑3 gilt im DAX‑Umfeld als fair.

KBV (Kurs‑Buchwert‑Verhältnis)

Für kapitalintensive Branchen – Banken, Immobilien, Versorger – ist das KBV wichtig. Ein KBV unter 1 kann auf Unterbewertung hinweisen, muss aber mit der Bilanzqualität abgeglichen werden.

Dividendenrendite & Free‑Cash‑Flow‑Yield

Die Dividendenrendite (Dividende / Kurs) zeigt, wie viel du jährlich an Ausschüttungen bekommst. Der Free‑Cash‑Flow‑Yield (FCF / Marktwert) misst, wie viel liquide Mittel das Unternehmen erwirtschaftet. Beide Kennzahlen sind besonders in Niedrigzins‑Phasen attraktiv.

PEG‑Ratio (KGV / Gewinnwachstum)

Das PEG‑Verhältnis kombiniert KGV und erwartetes Gewinnwachstum. Ein PEG von < 1,0 deutet auf ein attraktives Preis‑zu‑Wachstum‑Verhältnis hin.

3. Praxisbeispiel: Apple vs. Deutsche Bank

Schauen wir uns zwei Unternehmen an, die in den Medien oft als Gegenbeispiele für das KGV genannt werden.

KennzahlApple (AAPL)Deutsche Bank (DBK)
KGV28,49,2
KUV7,11,3
KBV38,50,9
Dividendenrendite0,6 %3,2 %
PEG1,20,8

Apple hat ein hohes KGV, weil das Unternehmen jährlich rund 20 % Gewinnwachstum liefert und massive Cash‑Reserven hat. Das KUV von 7,1 erscheint hoch, ist aber durch die starke Margen gerechtfertigt. Die Dividendenrendite ist niedrig, weil Apple das Geld lieber reinvestiert.

Die Deutsche Bank hingegen zeigt ein niedriges KGV von 9,2, aber das KBV liegt bei 0,9 – das klingt nach Schnäppchen. Allerdings hat die Bank in den letzten Jahren volatile Gewinne, hohe Rechtskosten und ein schwaches Free‑Cash‑Flow‑Yield. Das PEG von 0,8 suggeriert zwar Unterbewertung, aber das Risiko ist deutlich höher.

Fazit: Das KGV allein würde Apple als überbewertet und die Deutsche Bank als Schnäppchen darstellen – ein falscher Schluss, wenn du nicht die anderen Kennzahlen einbeziehst.

4. Rechenbeispiel: Zinseszinseffekt & Steuerersparnis mit ETF‑Sparplan

Stell dir vor, du legst 200 € monatlich in einen breit diversifizierten MSCI‑World‑ETF (z. B. iShares Core MSCI World, ISIN IE00B4L5Y983) an. Historische Durchschnittsrendite: 7 % p.a. (nach Gebühren). Der Sparer‑Pauschbetrag liegt 2026 bei 1.000 €.

Nach 20 Jahren hast du eingezahlt: 200 € × 12 × 20 = 48.000 €.

Mit Zinseszins: FV = P × ((1+r)^n – 1) / r → FV ≈ 200 × ((1+0,07)^(240) – 1) / 0,07 ≈ 115.000 €.

Deine Rendite beträgt also ca. 67 % über 20 Jahre (115.000 – 48.000 = 67.000 €). Auf die Kursgewinne fallen in Deutschland 26,375 % Abgeltungssteuer + Solidaritätszuschlag + ggf. Kirchensteuer an. Bei einem Freistellungsauftrag nutzt du den Pauschbetrag von 1.000 €, das reduziert die zu versteuernde Bemessungsgrundlage auf 66.000 €. Steuerlast: 66.000 × 0,26375 ≈ 17.400 €.

Durch den Freistellungsauftrag sparst du also rund 260 € an Steuern pro Jahr (1.000 € × 0,26375). Das demonstriert, wie wichtig es ist, nicht nur das KGV, sondern das gesamte Steuer‑ und Zinsumfeld zu berücksichtigen.

5. Wie du das KGV im Kontext richtig anwendest

Hier ein einfacher 3‑Schritte‑Ansatz, den du sofort in deinem Depot umsetzen kannst:

  1. Screening: Nutze deinen Broker (z. B. Trade Republic) und filtere nach KGV‑Bereichen (z. B. 10‑20). Achte dabei auf das ETF‑Sparplan‑Thema – ein breiter Markt‑ETF hat meist ein KGV um 16‑18.
  2. Branchen‑Check: Vergleiche das gefundene KGV mit dem Branchendurchschnitt. Ein KGV von 12 bei einem Versorger ist normal, bei Software jedoch niedrig.
  3. Ergänzende Kennzahlen: Ergänze das Bild mit KUV, KBV und PEG. Wenn mindestens zwei Kennzahlen im gesunden Bereich liegen, kannst du tiefer einsteigen.

Ein häufiger Fehler ist, das KGV nur mit dem historischen Durchschnitt zu vergleichen und dabei aktuelle Zins‑ und Inflationsentwicklungen zu ignorieren. 2026 liegt die Inflation bei etwa 2,3 % und die EZB‑Leitzinsen bei 2,8 %. Das bedeutet, dass ein KGV von 20 × bei einer erwarteten Rendite von 7 % noch immer attraktiv ist, weil die reale Rendite (nach Inflation) rund 4,7 % beträgt.

6. Risiken und Fallen beim KGV‑Fokus

Ein zu starkes Vertrauen in das KGV kann dich in folgende Fallen locken:

  • Einmalige Effekte: Abschreibungen, Restrukturierungen oder Sondergewinne können den Gewinn stark verzerren.
  • Gewinnmanipulation: Unternehmen können Rückstellungen aufstocken oder Abschreibungen verschieben, um das EPS zu erhöhen.
  • Markt‑Stimmung: In Phasen von Markt‑Euphorie (z. B. nach einem KI‑Boom) treiben Anleger die Kurse hoch, sodass das KGV irrelevant wird.
  • Unterbewertung durch Negativnachrichten: Ein schlechtes Quartal kann das KGV temporär steigen, obwohl das Unternehmen langfristig stark ist.

Um diese Risiken zu minimieren, schaue immer auf das große Bild – deine finanziellen Ziele, Zeithorizont und Risikobereitschaft. Kombiniere das KGV mit einer soliden Fundamentalanalyse und einem diversifizierten Portfolio.

7. Fazit: Das KGV als Baustein, nicht als Bauplan

Das KGV bleibt ein nützliches Schnell‑Tool, um einen ersten Eindruck zu gewinnen. Es liefert jedoch keine vollständige Bewertung. Nur wenn du es zusammen mit KUV, KBV, PEG, Dividendenrendite und dem makroökonomischen Umfeld betrachtest, bekommst du ein realistisches Bild vom wahren Wert einer Aktie.

Mein Tipp: Setze das KGV als ersten Filter, aber lass dich nicht davon blenden. Nutze die ergänzenden Kennzahlen, prüfe die Qualität der Gewinne und berücksichtige das aktuelle Zins‑ und Inflationsumfeld. So triffst du fundiertere Entscheidungen und erhöhst deine Chancen, langfristig Vermögen aufzubauen.

Wie wichtig ist das KGV im Vergleich zu anderen Kennzahlen?

Das KGV ist ein guter Einstieg, aber allein nicht entscheidend. Kombiniere es mit KUV, KBV und dem PEG‑Ratio, um ein vollständiges Bild zu erhalten.

Kann ein sehr hohes KGV trotzdem sinnvoll sein?

Ja, wenn das Unternehmen starkes Gewinnwachstum, hohe Margen und stabile Cashflows aufweist. Das PEG‑Verhältnis hilft, das zu beurteilen.

Wie oft sollte ich das KGV meiner Aktien prüfen?

Mindestens halbjährlich, idealerweise nach jedem Quartalsbericht, weil Gewinne und Kurse sich schnell ändern können.

Was mache ich, wenn das KGV einer Aktie plötzlich steigt?

Prüfe, ob das an einem Kursanstieg liegt (z. B. Markt‑Euphorie) oder an sinkenden Gewinnen. Analysiere die Gründe, bevor du verkaufst.

Wie kann ich das KGV in meinem ETF‑Depot nutzen?

Vergleiche das durchschnittliche KGV des ETFs mit dem historischen Markt‑Durchschnitt. Ein niedrigeres KGV kann auf Unterbewertung hinweisen, muss aber zusammen mit dem Gesamtkonzept des ETFs bewertet werden.

Für den Kontext empfehlen wir unseren Artikel zu Aktien für Anfänger sowie den Dividenden-Aktien Einsteiger Guide. Auch die Frage warum Panik der schlechteste Berater ist hilft beim Verständnis von Bewertungen.

Keine Anlageberatung. Alle Angaben ohne Gewähr. Stand: Juni 2026.

Disclaimer: Keine Anlageberatung. Alle Angaben ohne Gewähr.

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