Value-ETFs 2026 – Die unterschätzte Anlageklasse?
Hand aufs Herz: Wenn ich in den letzten Jahren mit Freunden über Geldanlage gesprochen habe, ging es fast immer um Technologie, KI und Wachstum. Value-ETFs kamen praktisch nie vor. Zu langweilig, zu altmodisch, zu schlecht gelaufen. Und genau das ist der Punkt, an dem ich hellhörig werde. Denn wenn eine ganze Anlageklasse über Jahre hinweg belächelt wird, lohnt sich ein zweiter Blick – nicht weil ich ein Contrarian aus Prinzip bin, sondern weil Bewertungen nun einmal eine Rolle spielen. Ein ETF auf günstig bewertete Unternehmen ist 2026 vielleicht die interessanteste Strategie, über die kaum jemand redet.
In diesem Artikel schaue ich mir an, was Value-ETFs eigentlich sind, warum sie so lange hinterhergelaufen sind, was sich 2026 geändert hat und wie du selbst entscheiden kannst, ob diese Anlageklasse zu dir passt. Ganz ohne BWL-Geschwafel, versprochen.
Was ist ein Value-ETF überhaupt?
Ein Value-ETF ist ein börsengehandelter Fonds, der gezielt in Unternehmen investiert, die als unterbewertet gelten. Das klingt erstmal schwammig, ist aber klar definiert. Die Fondsgesellschaften nutzen dafür Kennzahlen wie:
- Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) – je niedriger, desto „billiger" die Aktie im Verhältnis zum Eigenkapital
- Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) – wie viel du für jeden Euro Gewinn bezahlst
- Dividendenrendite – hohe Ausschüttungen deuten oft auf reife, günstige Unternehmen hin
- Kurs-Umsatz-Verhältnis (KUV) – ein weiterer Bewertungsmaßstab
Klassische Value-Unternehmen findest du in Branchen wie Energie, Finanzen, Industrie, Gesundheit oder Konsumgüter. Denk an Ölkonzerne, Banken, Versicherungen, Maschinenbauer oder Lebensmittelhersteller. Das sind keine Firmen, die auf Instagram gefeiert werden – aber sie verdienen seit Jahrzehnten solide Geld.
Der Gegenspieler ist der Growth-ETF, der auf Unternehmen mit hohem Wachstum setzt. Diese haben oft ein hohes KGV, weil der Markt viel Zukunftserwartung einpreist. Tech-Werte wie Nvidia, Microsoft oder Apple sind die bekanntesten Beispiele.
Warum Value so lange belächelt wurde
Wer in den 2010er und frühen 2020er Jahren auf Value setzte, hatte es schwer. Der MSCI World Value Index hat den MSCI World Growth Index über weite Strecken deutlich underperformt. Die Gründe sind bekannt:
- Nullzins-Ära: Bei Zinsen nahe null warfen Wachstumsversprechen aus der Zukunft kaum Opportunitätskosten auf. Bewertung war zweitrangig.
- Tech-Dominanz: Ein paar Mega-Caps zogen den gesamten Markt nach oben. Wer nicht in ihnen investiert war, verlor relativ.
- Struktureller Wandel: Manche klassischen Value-Branchen wie Energie oder Banken hatten echte Probleme – Stichwort Finanzkrise, Ölpreisverfall, Regulierung.
Das Ergebnis: Value wurde als „Value Trap" abgestempelt. Also als Falle, in der günstige Aktien einfach günstig bleiben, weil das Geschäftsmodell schrumpft. Ein Vorwurf, der in manchen Fällen berechtigt war – aber nicht pauschal.
Was sich 2026 geändert hat
Und dann kam die Wende. Ab 2022 stiegen die Zinsen, und plötzlich zählte wieder, was ein Unternehmen heute verdient. Wachstumsfantasien wurden abgestraft, Cashflows neu bewertet. Seitdem hat sich das Blatt gedreht – nicht in jedem Quartal, aber im Trend.
2026 sieht die Lage so aus:
- Zinsen bleiben höher als in der Nullzins-Ära. Das begünstigt Unternehmen mit soliden, heute schon vorhandenen Gewinnen.
- Bewertungsschere: Der Bewertungsabstand zwischen Growth und Value ist historisch noch immer deutlich. Growth-Aktien handeln im Schnitt mit einem Vielfachen des KGVs von Value-Werten.
- KI-Kosten: Die enormen Investitionen in KI-Infrastruktur drücken bei manchen Tech-Konzernen auf die Margen. Der Markt beginnt, genauer hinzuschauen.
- Rückkehr der Dividende: In unsicheren Zeiten schätzen Anleger wieder verlässliche Ausschüttungen.
Das heißt nicht, dass Growth tot ist. Aber die Bewertung als Faktor wird wieder wichtiger – und genau hier spielt Value seine Stärke aus.
Die wichtigsten Value-ETFs im Überblick
Wenn du in Value investieren willst, hast du grundsätzlich zwei Wege: einen Faktor-ETF oder einen klassischen Value-Index-ETF. Beide haben ihre Berechtigung.
Klassische Value-Indizes
Hier sind die bekanntesten Produkte, die es in Deutschland zu kaufen gibt:
- MSCI World Value – der große Bruder, breit gestreut über 20+ Länder, mehrere hundert Unternehmen. Ideal als Basisinvestment.
- MSCI USA Value – konzentriert auf US-Unternehmen, oft mit etwas höherer Renditechance, aber auch höherem Klumpenrisiko.
- FTSE All-World Value – deckt Industrie- und Schwellenländer ab, breiter geht kaum.
- S&P 500 Value – wer ohnehin auf US-Aktien setzt, findet hier eine gute Ergänzung.
Faktor-ETFs mit Value-Tilt
Multi-Faktor-ETFs kombinieren Value mit Momentum, Quality oder Size. Sie sind etwas komplexer, aber oft robuster, weil sie nicht nur auf eine einzige Kennzahl setzen. Der Vorteil: Sie fangen nicht jeden Value-Trap, weil sie zusätzlich auf Qualität achten.
Ein wichtiger Hinweis: Die TER (Gesamtkostenquote) liegt bei Value-ETFs meist zwischen 0,20 % und 0,40 % pro Jahr. Das ist etwas teurer als ein 0815-MSCI-World-ETF, aber im Rahmen.
Wie du Value-ETFs richtig bewertest
Bevor du kaufst, solltest du ein paar Dinge prüfen. Ich habe mir über die Jahre eine kleine Checkliste angewöhnt:
- Indexmethode: Wie wird Value definiert? Nur über KBV? Oder über mehrere Kennzahlen? Je mehr Kriterien, desto weniger Einzelrisiken.
- Anzahl der Positionen: Ein guter Value-ETF sollte mindestens 100, besser 200+ Unternehmen enthalten. Sonst wird es schnell zur Einzelwette.
- Länder- und Branchenmix: Zu viel USA oder zu viel Finanzen kann ein Klumpenrisiko sein.
- Tracking Difference: Wie gut bildet der ETF den Index tatsächlich ab? Die Differenz zwischen ETF-Rendite und Index-Rendite ist wichtiger als die TER.
- Fondsvolumen: Unter 100 Millionen Euro wird es manchmal eng mit der Liquidität. Größer ist meist besser.
- Thesaurierend oder ausschüttend: Gerade bei Value-ETFs mit hohen Dividenden kann ausschüttend steuerlich sinnvoll sein – muss aber nicht.
Meine persönliche Erfahrung: Ich habe mir anfangs zu viele Gedanken über die perfekte Kennzahl gemacht. Am Ende zählt, dass der ETF breit genug ist, günstig bleibt und du ihn langfristig hältst.
Value-Strategie für Privatanleger – so gehe ich vor
Jetzt wird es praktisch. Wie kann eine sinnvolle Strategie mit Value-ETFs aussehen? Ich teile mal meine Herangehensweise, die ich für bodenständig halte:
1. Value als Beimischung, nicht als All-in
Ich würde nicht mein gesamtes Portfolio in Value-ETFs stecken. Ein Anteil von 20 bis 40 Prozent am Aktienanteil ist eine vernünftige Größenordnung. So profitierst du von der Bewertungsdifferenz, ohne dich komplett gegen Growth zu positionieren.
2. Kombination mit einem breiten Welt-ETF
Mein Kern ist ein klassischer MSCI World oder FTSE All-World. Value-ETFs kommen als Satellit dazu. Das reduziert das Risiko, dass ich mich in einer einzigen Stilrichtung verrenne.
3. Langfristiger Horizont
Value funktioniert nicht in Monaten. Die Outperformance kommt in Schüben – manchmal jahrelang gar nicht, dann plötzlich heftig. Wer nach zwei mageren Jahren verkauft, verpasst oft genau die Phase, in der sich die Geduld auszahlt. Ich plane mindestens 10 Jahre.
4. Rebalancing nicht vergessen
Einmal im Jahr schaue ich, ob die Gewichtung noch stimmt. Wenn Value stark gelaufen ist, verkaufe ich einen Teil und schichte in den Welt-ETF um. Umgekehrt genauso. Das ist disziplinierte Antizyklik – und genau das, was Value ausmacht.
5. Nicht in Einzelaktien abdriftten
Der Reiz, nach dem Value-ETF noch die „eine günstige Aktie" dazuzukaufen, ist groß. Ich habe das gemacht und bin damit mal gut, mal schlecht gefahren. Unterm Strich: Der ETF reicht. Wer unbedingt Einzelwerte will, sollte sich eingestehen, dass das ein anderes Spiel ist.
Welche Risiken du kennen musst
Value-ETFs sind kein Freifahrtschein. Ich will hier ehrlich sein:
- Value Traps: Manche günstige Aktie ist günstig, weil sie schlicht ein sterbendes Geschäftsmodell hat. Ein guter ETF filtert das teilweise, aber nicht vollständig.
- Lange Durststrecken: Value kann über Jahre underperformen. Das psychologische Risiko ist real.
- Branchenklumpen: Viele Value-Indizes haben hohe Anteile in Finanzen und Energie. Krisen in diesen Sektoren treffen den ETF überproportional.
- Währungsrisiko: Bei US-lastigen Value-ETFs schlägt der Dollar-Euro-Kurs durch. Auf lange Sicht meist vernachlässigbar, kurzfristig kann es wehtun.
Wer diese Punkte kennt und akzeptiert, für den ist Value eine ernsthafte Option. Wer sie ignoriert, wird bei der ersten Durststrecke nervös.
Mein Fazit: Unterschätzt, aber nicht blind zu kaufen
Ist Value 2026 die unterschätzte Anlageklasse? Ich denke: ja, aber mit Einschränkungen. Die Bewertungsdifferenz zu Growth ist noch immer groß, die Zinsumgebung begünstigt solide Cashflows, und viele Anleger haben Value nach den mageren Jahren komplett abgeschrieben. Genau das ist oft der Nährboden für eine Renaissance.
Gleichzeitig wäre es falsch, jetzt alles auf Value zu setzen. Die Anlageklasse ist kein Selbstläufer, und Timing ist bei Faktoren extrem schwierig. Wer breit gestreut bleibt, Value als Beimischung nutzt und langfristig denkt, fährt in meinen Augen am vernünftigsten.
Ich selbst habe meinen Value-Anteil in den letzten zwei Jahren moderat ausgebaut – nicht weil ich die Zukunft kenne, sondern weil ich die Bewertung als Argument schätzen gelernt habe. Und weil ich weiß, dass die besten Chancen oft dort liegen, wo gerade niemand hinschaut.
Wenn du dich mit dem Thema beschäftigen willst, nimm dir Zeit, vergleiche zwei oder drei Value-ETFs in Ruhe, schau dir die Indexmethode an und starte mit einer kleinen Position. Du musst nicht alles auf einmal richtig machen. Du musst nur anfangen.
Disclaimer: Keine Anlageberatung. Alle Angaben ohne Gewaehr.
Disclaimer: Keine Anlageberatung. Alle Angaben ohne Gewähr.
